Vinyl-Mastering-Mythen: Was wirklich vor dem Presswerk zählt
Vinyl-Mastering ist von vielen Mythen umgeben. Manche Regeln enthalten einen wahren Kern, andere werden zu pauschal weitergegeben. Genau das führt oft zu falschen Entscheidungen vor dem Presswerk.
Der Grund ist einfach: Eine Schallplatte funktioniert nicht wie Streaming oder CD. Musik wird mechanisch in eine Rille übertragen und später von einer Nadel abgetastet. Deshalb spielen Bassbereich, Phasenlage, S-Laute, Dynamik, Seitenlänge und Schnittpegel eine besondere Rolle.
In diesem Artikel räumen wir mit den größten Vinyl-Mastering-Mythen auf. Du erfährst, welche Aussagen stimmen, welche nur teilweise stimmen und worauf es wirklich ankommt, wenn dein Mix oder Master auf Vinyl erscheinen soll.
Inhaltsverzeichnis
- Vorteile und Grenzen von Vinyl
- Warum es so viele Vinyl-Mastering-Mythen gibt
- Die Geschichte der Schallplatte
- Kurz erklärt: Was Vinyl-Mastering anders macht
- Mythos 1: Vinyl ist nur ein weiteres Ausgabeformat
- Mythos 2: Das DMM-Verfahren ist immer besser als Lackschnitt
- Mythos 3: Hohe Frequenzen und S-Laute müssen immer stark beschnitten werden
- Mythos 4: Alles unter 300 Hz muss mono sein
- Mythos 5: Transienten klingen auf Vinyl schlechter
- Mythos 6: Der warme Vinyl-Klang entsteht nur durch weniger Höhen
- Mythos 7: Schwarze Schallplatten klingen besser als farbige
- Mythos 8: Vinyl klingt auf allen Plattenspielern gleich
- Mythos 9: Mein Song ist auf Vinyl genauso laut wie mein digitales Master
- Mythos 10: Die Lautheit hat keinen Einfluss auf den Platz auf der Platte
- Mythos 11: Für gutes Vinyl-Mastering braucht man keinen Mastering-Engineer
- Mythos 12: Der Vinyl-Cutter übernimmt automatisch das Mastering
- Mythos 13: Eine Testpressung klingt exakt wie die finale Auflage
- Mythos 14: Die Reihenfolge der Songs spielt keine Rolle
- Checkliste: Was vor dem Presswerk wichtig ist
- Was kostet das Pressen einer Schallplatte?
- Wie lange dauert das Pressen einer Platte?
- Fazit zu Vinyl-Mastering-Mythen
- Quellen
Vorteile und Grenzen von Vinyl
- Eigene Klangästhetik
- Formatbedingte „Einschränkungen“ wie Verzerrungen können kreativ genutzt werden
- Haptik und visueller Anreiz
- Besonderheit für Fans
Technische Grenzen von Vinyl
- Physikalischer Tonträger, der entsprechenden Einschränkungen und Einflüssen unterlegen beziehungsweise ausgesetzt ist
- Produktion und Distribution im Vergleich zu einer rein digitalen Produktion und Distribution kostspieliger
Warum es so viele Vinyl-Mastering-Mythen gibt
41,3 Millionen EPs und LPs wurden laut statista.de im Jahr 2022 allein in den USA verkauft. Vinyl ist also kein Nischenformat mehr, sondern für viele Künstler, Labels und Fans wieder relevant.
Mit dem Comeback der Schallplatte sind auch viele Regeln und Halbwahrheiten zurückgekommen. Einige davon helfen bei der Vorbereitung. Andere werden zu pauschal angewendet und führen zu falschen Entscheidungen bei Mix, Mastering, Lackschnitt oder Pressung.
Laut dem Halbjahresbericht 2023 der Recording Industry Association of America (RIAA) hatte Vinyl einen Anteil von 72 Prozent am Umsatz physischer Formate. Auch in Deutschland ist der Marktanteil von Schallplatten laut BVMI gewachsen. Gerade deshalb lohnt es sich, die wichtigsten Mythen fachlich sauber einzuordnen.
Podcast und Expertenkontext
Chris Jones
C.E.O – Mixing- und Masteringengineer. Betreibt seit 2006 die Peak-Studios und ist der erste Online-Dienstleister in Sachen Audiodienstleistungen. Mehr zu Chris
Helmut Erler
Helmuts Arbeit als Disc Mastering Engineer (Cutter) und Toningenieur hat den bekannten Sound von international erfolgreichen Künstlern auf Vinyl gebracht und kalibriert Plattenschneidemaschinen. Mehr zu Helmut
Fabien Schivre
Fabien ist der Kopf hinter Tokyo Dawn Labs und entwickelt seit vielen Jahren hochwertige Audio-Plugins wie den bekannten TDR Nova. Mehr zu Fabien
Die Geschichte der Schallplatte
Bevor wir uns den Mythen der Vinylproduktion annehmen, wollen wir kurz einen Blick auf die Geschichte der Schallplatte werfen:
Die Schallplatte wurde bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt. Die Vinylplatte, wie wir sie heute kennen, gibt es seit 1930. Vor der Verwendung von Polyvinylchlorid (PVC) aka Vinyl kam vor allem Schellack zum Einsatz. Das wurde aber während des zweiten Weltkriegs zur Mangelware, weshalb Hersteller gezwungen waren, eine Alternative zu finden.
Die neue, robustere und günstiger herzustellende Platte verdrängte ihren Vorgänger bis 1960 aus Westeuropa und Nordamerika. Dabei dürfte sicherlich auch die Stereophonie beigetragen haben, die sich ab 1958 etablierte. Während die Beliebtheit der Scheibe bei den Konsumenten stieg, wurde weiter an dem Format gefeilt. Zwischen 1971 und 1978 wurden Quadrophonie-Platten hergestellt. Das Surround-Format war technisch Anspruchsvoll, denn eine Schallplatte kann nur zwei Kanäle enthalten. Entsprechend mussten die vier Kanäle auf zwei downgefolded und beim Konsumenten wiederhergestellt werden. Aufgrund verschiedener Abspielsysteme, die zueinander nicht kompatibel waren, konnte sich das quadrophonische Wiedergabeverfahren nicht durchsetzen.
Die goldene Zeit von Vinyl lag laut Statista zwischen 1970 und 1990. Mit der Einführung der CD und der Digitaltechnik wurde die Schallplatte oft abgeschrieben. Inzwischen hat sie sich im Markt wieder sichtbar etabliert und sorgt in den USA bereits für etwa dreiviertel des Umsatzes physischer Tonträger.
Dein Mix soll auf Vinyl erscheinen?
Kurz erklärt: Was Vinyl-Mastering anders macht
Vinyl-Mastering bereitet einen Mix oder ein Master auf die technischen Anforderungen einer Schallplatte vor. Anders als bei Streaming oder CD wird Musik beim Lackschnitt oder DMM mechanisch in eine Rille übertragen. Der Schneidestichel, die Rillenauslenkung und die spätere Abtastung durch die Nadel setzen klare Grenzen.
Deshalb sind Bassbereich, Phasenlage, S-Laute, Dynamik, Seitenlänge und Schnittpegel besonders wichtig. Viele Vinyl-Regeln sind sinnvolle Faustregeln. Sie ersetzen aber keine Prüfung des konkreten Songs.
In Bezug auf Schallplatten gibt es einige Begriffe, die du kennen solltest. Die wichtigsten Begriffe sind im folgenden Glossar zusammengefasst:
RPM: Die Umdrehungen pro Minute bezeichnen die Abspielgeschwindigkeit einer Schallplatte.
LP: Eine Langspielplatte hat meist 30 cm Durchmesser und wird in der Regel mit 33,33 RPM abgespielt.
Single: Eine Single hat meist 17,5 cm Durchmesser und wird häufig mit 45 RPM abgespielt.
Maxi-Single: Eine Maxi-Single nutzt oft 45 RPM und bietet dadurch mehr Schnittpegel, aber weniger Spielzeit.
Lackschnitt: Beim Lackschnitt wird das Audiomaterial in eine Lackfolie geschnitten. Daraus entstehen später die Werkzeuge für die Pressung.
DMM: Beim Direct Metal Mastering wird das Audiomaterial direkt in eine kupferbeschichtete Metallplatte geschnitten.
Presswerk: Das Presswerk stellt Testpressungen und die finale Auflage her.
Mythos 1: Vinyl ist nur ein weiteres Ausgabeformat
Kurz gesagt: Nein. Vinyl ist nicht nur ein weiteres Ausgabeformat wie WAV, CD oder Streaming. Eine Schallplatte ist ein physisches Medium mit eigenen technischen Grenzen.
Was wirklich wichtig ist: Die Musik wird in eine Rille geschnitten und später mechanisch abgetastet. Bassbereich, Phasenlage, Dynamik, S-Laute, Schnittpegel und Seitenlänge beeinflussen, ob eine Platte sauber geschnitten und sicher abgespielt werden kann.
Praxis-Tipp: Plane Vinyl nicht erst nach dem fertigen Streaming-Master. Prüfe früh, ob dein Mix oder Master für Vinyl geeignet ist.
Mythos 2: Das DMM-Verfahren ist immer besser als Lackschnitt
Kurz gesagt: Nein. DMM und Lackschnitt haben unterschiedliche Vorteile und Grenzen.
Was wirklich wichtig ist: Beim Direct Metal Mastering wird das Audiomaterial direkt in eine kupferbeschichtete Metallplatte geschnitten. Das kann sehr präzise sein und Arbeitsschritte sparen. Beim Lackschnitt wird das Material in eine Lackfolie geschnitten. Dieses Verfahren kann bei bestimmten Auslenkungen, Klangvorstellungen oder Produktionswegen sinnvoller sein.
Problematisch sind bei beiden Verfahren vor allem große Rillenauslenkungen, tiefe Frequenzen, hohe Pegel und ungünstige Phasenlagen. Deshalb entscheidet nicht das Verfahren allein über die Qualität, sondern das Audiomaterial und die Vorbereitung.
Praxis-Tipp: Kläre mit Mastering-Engineer, Cutter oder Presswerk, welches Verfahren zu deinem Projekt passt. Entscheide nicht nur nach dem Begriff DMM oder Lackschnitt.
Direct Metal Mastering (DMM)
1981 hat die Firma Teldec (Telefunken-Decca) in Zusammenarbeit mit Georg Neumann das DMM-Verfahren entwickelt. Während beim Lackschnitt-Verfahren nach der Tonübertragung auf eine Lackfolie zwei galvanische Bäder zur Erstellung eines Vaters (negatives Abbild) und einer Mutter (positives Abbild) gemacht werden müssen, wird beim DMM direkt die Mutter erstellt.
„Die Mutter“ beschreibt eine Edelstahlplatte, die in einem galvanischen Bad beschichtet wird. Mit einem Schneidestichel wird das Klangmaterial auf sie übertragen. Aus ihr werden wiederum die Söhne hergestellt, die dann als tatsächliche Pressvorlage beziehungsweise Stempel dienen.
Das DMM-Verfahren hat gegenüber dem Lackschnitt einige Vorteile: Zum einen werden durch das Ausbleiben gewisser Arbeitsschritte Zeit gespart und Fehlerquellen minimiert. Zum anderen gibt es weniger Verzerrungen. Der Nachteil ist die kürzere Lebensdauer der Platten, da die Rillen weniger tief sind.
Mythos 3: Hohe Frequenzen und S-Laute müssen immer stark beschnitten werden
Kurz gesagt: Nein. Hohe Frequenzen und S-Laute müssen kontrolliert werden, aber ein pauschaler High-Cut ist selten die beste Lösung.
Was wirklich wichtig ist: Zu scharfe S-Laute, harte Hi-Hats oder sehr spitze Synths können beim Schnitt und bei der Wiedergabe verzerren. Das bedeutet aber nicht, dass jedes Vinyl-Master automatisch stark abgedunkelt werden muss. Entscheidend ist das konkrete Signal.
Praxis-Tipp: Nutze gezielte Bearbeitung wie De-Esser, dynamischen EQ oder Automation. Entferne Höhen nicht pauschal, wenn sie musikalisch wichtig sind.
Mythos 4: Alles unter 300 Hz muss mono sein
Kurz gesagt: Nein. Der Bassbereich sollte kontrolliert werden, aber eine starre Grenze bei 300 Hz ist zu pauschal.
Was wirklich wichtig ist: Sehr breite oder gegenphasige tiefe Frequenzen können die Rille stark auslenken. Das kann den Schneidvorgang erschweren und die Wiedergabe unsicher machen. Eine Simulation oder ein Testschnitt gibt die sicherste Einschätzung. Der kritische Bereich hängt vom Song ab. Wichtig sind Dynamik, Stereobreite, Seitenlänge und die Phasenlage im Bassbereich.
Praxis-Tipp: Prüfe die Mono-Kompatibilität im Bassbereich. Lege tiefe Frequenzen bei Bedarf stärker in die Mitte, aber entscheide nach Material und nicht nach einer starren Regel.
Unsicher, ob dein Mix für Vinyl geeignet ist?
Wenn du technische Unsicherheiten bei Bassbereich, Phasenlage, S-Lauten oder Dynamik hast, kann eine Mix-Analyse helfen. Sie ersetzt kein Presswerk, gibt dir aber eine fachliche Einschätzung vor dem Vinyl-Mastering.
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Mythos 5: Transienten klingen auf Vinyl schlechter
Kurz gesagt: Nicht zwingend. Transienten werden auf Vinyl anders wiedergegeben als bei digitalen Formaten.
Was wirklich wichtig ist: Vinyl kann Punch und Lebendigkeit sehr gut transportieren. Extreme Peaks, hartes Clipping oder unkontrollierte Dynamik können aber problematisch werden. Der Mix und das Mastering entscheiden, wie sauber Attack und Punch erhalten bleiben.
Praxis-Tipp: Achte schon im Mix auf saubere Transienten. Vermeide hartes Clipping auf Drums oder Master-Bus, wenn eine Vinyl-Pressung geplant ist.
RIAA Equalisation
Die Auslenkung des Schneidestichels hat große Auswirkung auf die Lautstärke und den verfügbaren Platz einer Schallplatte. Je größer die Auslenkung, desto lauter und/oder tieffrequenter das Signal. Aber auch desto größer der Platzverbrauch. Bei hohen Pegeln kann es zudem zum sogenannten „self erase“ kommen. Dabei löscht der hintere Teil des Schneidestichels den vom vorderen geschnittenen Teil direkt aus, was zu Verzerrungen führt.
Um ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen und den originalen Frequenzgang eines Titels zu erhalten, wurde Mitte der 1950er Jahre die RIAA Equalisation entwickelt. Sie beschreibt eine Schneidekennlinie, die das Frequenspektrum anhand der drei Übergangsfrequenzen bei 50,05 Hz, 500,5 Hz und 2122 Hz in vier Abschnitte teilt. Vereinfacht gesagt werden dann durch Filter Absenkungen in den Tiefen und Tiefmitten und Anhebungen in den Mitten und Höhen vorgenommen, die für eine gleichmäßige Auslenkung sorgen. Diesen Prozess nennt man Encoding.
Jeder Plattenspieler ist mit einem Decoder im Preamp ausgestattet, der die RIAA Equalisation ausgleicht und somit das originale Klangspektrum wiederherstellt.
Mythos 6: Der warme Vinyl-Klang entsteht nur durch weniger Höhen
Kurz gesagt: Nur teilweise. Der warme Eindruck von Vinyl entsteht nicht nur durch weniger Höhen.
Was wirklich wichtig ist: Frequenzgang, Dynamik, Verzerrungen, RIAA-Entzerrung, Schnitt, Pressung und Wiedergabesystem beeinflussen den Klang. Zu scharfe Höhen und S-Laute müssen kontrolliert werden. Ein gutes Vinyl-Master sollte aber nicht pauschal dumpf oder matt klingen.
Praxis-Tipp: Bearbeite problematische Schärfe gezielt. Ein gutes Vinyl-Master bleibt offen, kontrolliert und musikalisch.
Mythos 7: Schwarze Schallplatten klingen besser als farbige
Kurz gesagt: Nicht grundsätzlich. Die Herstellungsqualität ist wichtiger als die Farbe.
Was wirklich wichtig ist: Materialqualität, Presswerk, Schnitt, Mastering und Qualitätskontrolle beeinflussen den Klang stärker als die reine Farbe. Farbige Schallplatten können sehr gut klingen, wenn sie sauber produziert werden.
Praxis-Tipp: Wähle Farbe oder Sonderformat aus gestalterischen Gründen. Kläre technische Besonderheiten vorher mit dem Presswerk.
Wenn dein Release auf Vinyl erscheinen soll
Mythos 8: Vinyl klingt auf allen Plattenspielern gleich
Kurz gesagt: Nein. Das Wiedergabesystem hat großen Einfluss auf den Klang.
Was wirklich wichtig ist: Tonabnehmer, Nadel, Vorverstärker, Plattenspieler, Lautsprecher und Raumakustik können den Klang deutlich verändern. Deshalb kann eine Platte auf verschiedenen Anlagen unterschiedlich wirken.
Praxis-Tipp: Höre Testpressungen auf mehr als einem System ab. Achte besonders auf Verzerrungen, Nadelsprünge, Rauschen, S-Laute und auffällige Unterschiede zwischen Innen- und Außenbereich der Platte.
Was ist WOW?
WOW und Flutter beschreiben beide Tonhöhenschwankungen, die beim Abspielen einer Schallplatte hörbar werden. Jedoch äußern sie sich unterschiedlich und entstehen durch verschiedene Ursachen:
WOW ist eine langsame Variation, die auf die Schallplatte zurückzuführen ist. Gründe dafür sind unter anderem ein nicht passgenaues Mittelloch, ein zu geringes Gewicht einer Platte oder eine verzogene Platte. Im Presswerk wird WOW in der Regel als Teil der Qualitätskontrolle gemessen, sodass eine minimale Abweichung von etwa 0,2 Prozent nicht überschritten wird.
Flutter hingegen ist eine schnelle Variation, die auf das Abspielgerät zurückzuführen ist. Ein verbogener Plattenteller oder ein nicht mehr ganz rund laufender Motor eines Plattenspielers können Gründe hierfür sein.
Mythos 9: Mein Song ist auf Vinyl genauso laut wie mein digitales Master
Kurz gesagt: Meistens nicht. Vinyl folgt anderen Grenzen als Streaming oder CD.
Was wirklich wichtig ist: Die Lautheit eines digitalen Masters hat keinen direkten Zusammenhang mit der Lautheit der späteren Schallplatte. Der Schnittpegel hängt von Dynamik, Frequenzverteilung, Seitenlänge und Verzerrungsrisiko ab. Sehr laute oder stark limitierte Master können dazu führen, dass die Platte leiser geschnitten werden muss.
Ein Streaming-Master kann in manchen Fällen funktionieren. Es sollte aber vor dem Presswerk geprüft werden, ob Clipping, S-Laute, Bassbereich und Phasenlage für Vinyl geeignet sind.
Praxis-Tipp: Behandle Lautheit bei Vinyl nicht wie einen Streaming-Wert. Ziel ist eine sauber abspielbare Platte, nicht der höchste LUFS-Wert.
Mythos 10: Die Lautheit hat keinen Einfluss auf den Platz auf der Platte
Kurz gesagt: Doch. Lautheit, Wellenform und Platzbedarf hängen zusammen.
Was wirklich wichtig ist: Der Platzbedarf auf einer Schallplatte hängt stark von der Wellenform ab. Besonders problematisch sind geclippte Signale. Ein geclipptes Signal ähnelt eher einem Rechteck, verzerrt schneller, ist schwerer sauber zu schneiden und benötigt mehr Platz in der Rille.
Praxis-Tipp: Vermeide hartes Clipping und übermäßiges Limiting. Ein kontrolliertes, dynamisches Master kann oft sicherer und musikalischer geschnitten werden.
Mythos 11: Für gutes Vinyl-Mastering braucht man keinen Mastering-Engineer
Kurz gesagt: Manchmal kann erfahrenes Arbeiten ausreichen. Ohne passende Erfahrung und Abhörumgebung ist es aber riskant.
Was wirklich wichtig ist: Ein Vinyl-Mastering-Engineer prüft Frequenzbalance, Bassbereich, Phasenlage, S-Laute, Dynamik, Stereobreite, Schnittpegel und Seitenlänge. Diese Punkte sind auf normalen Consumer-Systemen schwer sicher zu beurteilen.
Praxis-Tipp: Wenn Auflage, Budget und Pressung wichtig sind, lohnt sich eine professionelle Prüfung vor dem Presswerk.
Wenn du erfahren bist und eine gute Abhörmöglichkeit hast, kannst du deine Tracks selbst vorbereiten. Spezialisierte Software kann helfen, kritische Stellen zu erkennen. Ein Beispiel ist Simulathe von Tokyo Dawn Labs. Solche Werkzeuge zeigen unter anderem Auslenkung, Stereobreite, Geschwindigkeit, Temperatur des Schneidestichel und Platzbedarf. Trotzdem ersetzt eine Simulation nicht jede fachliche Prüfung.
Professionelle Prüfung vor Lackschnitt oder DMM
Mythos 12: Der Vinyl-Cutter übernimmt automatisch das Mastering
Kurz gesagt: Nicht automatisch. Vinyl-Mastering und Schneiden sind unterschiedliche Arbeitsschritte.
Was wirklich wichtig ist: Der Mastering-Engineer bereitet das Audiomaterial klanglich und technisch vor. Der Cutter oder Disc-Mastering-Engineer überträgt das vorbereitete Material in den Schnittprozess. Einige Anbieter kombinieren beide Aufgaben. Trotzdem sollte vorher klar sein, ob dein Material nur geschnitten oder auch wirklich gemastert wird.
Praxis-Tipp: Frage vor der Übergabe ans Presswerk oder Schneidestudio, welche Leistung enthalten ist und welche Dateien erwartet werden.
Mythos 13: Eine Testpressung klingt exakt wie die finale Auflage
Kurz gesagt: Nein. Vinyl bleibt ein physisches Produkt mit kleinen Fertigungsunterschieden.
Was wirklich wichtig ist: Temperatur, Pressdruck, Material, Lagerung und Fertigungsstreuung können kleine Unterschiede verursachen. Eine Testpressung ist trotzdem wichtig, weil sie grobe Probleme vor der Hauptauflage sichtbar macht.
Praxis-Tipp: Prüfe die Testpressung sorgfältig. Dokumentiere Verzerrungen, Sprünge, Rauschen oder Pegelprobleme klar für das Presswerk.
Mythos 14: Die Reihenfolge der Songs spielt keine Rolle
Kurz gesagt: Nein. Die Track-Reihenfolge kann Klang und Abspielbarkeit beeinflussen.
Was wirklich wichtig ist: Am Ende einer Plattenseite ist die Abtastung schwieriger. Dort können Verzerrungen stärker auffallen, besonders bei lauten, hellen oder sehr dichten Songs. Ruhigere oder weniger kritische Songs funktionieren im Innenbereich oft besser.
Praxis-Tipp: Plane A-Seite und B-Seite früh. Setze besonders wichtige oder technisch kritische Songs nicht automatisch an das Ende einer Seite.
Diameter-Loss
Je weiter sich die Nadel dem Ende, also dem Inneren, einer Platte nähert, desto geringer die Klangqualität. Verantwortlich dafür ist der einhergehende Querschnittsverlust (Diameter-Loss). Du kannst dir das so vorstellen, dass die Nadel ein Auto ist, das seine Runden auf der Platte fährt. Je weiter es sich dem Ziel, dem inneren der Platte, nähert, desto kürzer und schmäler werden die Strecken. Das Auto bleibt aber gleich groß: Es wird zunehmend schwieriger, es sicher zu manövrieren, also muss langsamer gefahren werden.
Und genauso verhält es sich mit der Nadel und der abzutastenden Rille. Die Nadel bleibt gleich groß, die Rillen werden aber enger/gequetschter. Bei einer 12-Zoll-LP ist die Geschwindigkeit außen etwa dreimal schneller als innen. Bei einer 7-Zoll-Single ist das Verhältnis der Geschwindigkeit von außen zu innen etwa 2:1.
Entsprechend sollten wichtige Songs beziehungsweise Hits besser am Anfang, also außen, platziert werden. Jedoch kann die langsamere Abtastgeschwindigkeit, mit der ein Verlust der Höhen sowie Verzerrungen einhergehen, für kreative Zwecke genutzt werden.
Checkliste: Was vor dem Presswerk wichtig ist
Fassen wir kurz zusammen, was du vor der Produktion deiner Schallplatte prüfen solltest:
- Überlege dir, welches Format (LP, Single, …) du veröffentlichen möchtest.
- Achte auf die physikalischen Einschränkungen einer Vinylplatte; prüfe problematische Frequenzbereiche und komprimiere nicht zu stark. Entsprechende Software, Mastering-Engineers und Disc Mastering Engineers unterstützen dich bei Bedarf.
- Lege, unter Berücksichtigung der Abspielgeschwindigkeit, Titelreihenfolge und Pausenlängen fest.
- Liefere alle produktionsrelevanten Daten an das Presswerk. Dazu gehören die Höhe der Auflage, die Wahl des Schnitt-Verfahrens sowie die Verteilung deiner Songs auf der Platte.
- Halte etwa drei Wochen nach der Erteilung des Auftrags eine Testpressung und zirka fünf Wochen danach deine eigene, finale Schallplatte in der Hand.
Was kostet das Pressen einer Schallplatte?
Die Kosten einer Vinyl-Pressung hängen von einigen Faktoren ab, zum Beispiel dem Format (Single, LP, etc.), der Auflage und dem Transport. Im Podcast wird eine Beispielrechnung anhand der folgenden Vorgaben genannt:
- 400 * 12“ Vinyl, schwarz (Auflage, Format)
- Metal works, stampers (Galvanic, Stempel)
- 2 x Label, CMYK 4+0 oder 1+0
- Jacket KV01 (GC1 300gsm, 3,5 mm spine) CMYK 4+0, glänzend/matt Laminierung (Hülle)
- Black inner sleeve (Innenhülle)
- Assembling
- Plastic protective over bag
- Assembling
Natürlich sind die Kosten immer abhängig von den Wünschen des Kunden. Grob lässt sich aber sagen, dass anhand der genannten Vorgaben eine Schallplatte 4 bis 4,50 Euro kostet. Die Auflage von 400 Stück kostet insgesamt also rund 1600 Euro. Hinzu kommen bei Bedarf Testpressungen (25 Euro/Stück), die Produktion von Covern, Papierinnenhüllen und Vinyletiketten sowie Transportkosten.
Wie lange dauert das Pressen einer Platte?
Von der Anlieferung aller notwendigen Dateien an das Presswerk bis zum Erhalt der fertigen Schallplatte vergehen ungefähr zwei Monate: Drei Wochen werden für Testpressungen veranschlagt und fünf Wochen für die Hauptproduktion.
Wenn du statt einer digitalen Datei ein fertiges Lack- oder DMM-Master an das Presswerk lieferst, kommt diese Produktionszeit hinzu. Das kannst du bei einem darauf spezialisierten Schneidestudio machen lassen, das zudem mehr Einfluss auf den Schnitt erlaubt als ein Presswerk.
Fazit zu Vinyl-Mastering-Mythen
Viele Mythen rund um Vinyl-Mastering enthalten einen wahren Kern. Problematisch werden sie, wenn sie als starre Regeln verstanden werden. Bassbereich, Phasenlage, S-Laute, Dynamik, Seitenlänge und Track-Reihenfolge müssen immer im Zusammenhang mit dem konkreten Song bewertet werden.
Dieser Artikel soll dir helfen, typische Fehlannahmen zu erkennen und dein Material besser für Vinyl einzuschätzen. Wenn du unsicher bist, ob dein Mix oder Master für Vinyl geeignet ist, kann eine fachliche Prüfung vor dem Presswerk sinnvoll sein.
Ist dein Mix für Vinyl geeignet?
Bei technischen Unsicherheiten kann eine Mix-Analyse helfen. Du erhältst eine Einschätzung zu Bassbereich, Phasenlage, Dynamik, S-Lauten und möglichen Risiken vor dem Vinyl-Mastering.
Quellen
- Videoquellen stehen in den Transkripten
- Fragen von Podcast
- Halbjahresreport BVMI: https://www.musikindustrie.de/presse/presseinformationen/halbjahreszahlen-2023
- Halbjahresreport RIIA (USA): https://www.riaa.com/wp-content/uploads/2023/09/RIAA-Mid-Year-2023-Revenue-Report.pdf
- https://www.statista.com/chart/7699/lp-sales-in-the-united-states/
- https://hofa-media.de/vinyl-fakten/
- https://www.planet-wissen.de/kultur/musik/geschichte_der_tontraeger/pwiedieschallplatte100.html
- https://my45.de/wp-content/uploads/MY45_Audio-Spezifikationen.pdf
- https://onlinevinylmastering.com/wp-content/uploads/2018/03/18_03_OVM_Guidelines_How-It-Works_.pdf
- https://www.vinylherstellung.de/glossar/#d
- https://www.railroad-tracks.de/dmm-vs-lackschnitt
- https://www.dj-lab.de/die-vinylkrise-eine-blase-implodiert-reportage-teil-2/
- https://de.wikipedia.org/wiki/Schneidkennlinie
- https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/mathematisch-naturwissenschaftliche-faecher/physik/unterrichtsmaterialien/mechanik_2/kreis/medien/schallplatte.htm


