Ein Song, zwei Mastering-Engineers: zu Gast bei Thom Wettstein
Thom Wettstein hat mich in sein neues Format eingeladen: zwei Mastering-Engineers, ein unveröffentlichter Song, kein Wettbewerb. Wir haben uns denselben Elektro-Track vorgenommen und offen darüber gesprochen, wie jeder von uns an einen Mix herangeht – mit allen Unterschieden, die man dabei hört.
Viele, die bei uns ihren Song mastern lassen, fragen mich, wie Mastering eigentlich „richtig“ geht. Die ehrliche Antwort: Es gibt nicht den einen Weg. Genau das wollten Thom und ich zeigen. Er arbeitet in der Schweiz, ich in unserem Tonstudio in Würzburg, und unsere Herangehensweisen könnten kaum unterschiedlicher anfangen. Am Ende landen wir trotzdem bei sehr ähnlichen Prioritäten. In diesem Beitrag nehme ich dich mit hinter die Kulissen – vom ersten Höreindruck über unsere Werkzeuge bis zu dem Teil, der bei der Aufnahme schiefging.
Inhalt
Was passiert, wenn zwei Mastering-Engineers denselben Song hören?
Thom Wettstein und ich haben denselben unveröffentlichten Elektro-Track besprochen, ohne Wettbewerb und ohne Sieger. Thom fächert den Sound mit seiner Prisma-Methode auf, ich fange immer im Bassbereich an. Zwei Wege, die beide funktionieren – und die am Ende bei sehr ähnlichen Prioritäten landen: Tightness vor Frequenzen und lieber gezielt als zu viel.
Wie es zum Mastering-Gespräch kam
Thom ist Mastering-Engineer und betreibt einen YouTube-Kanal, auf dem er viel über seine Arbeit zeigt. Seine Idee war simpel: Zwei Engineers hören unabhängig voneinander denselben Song und erzählen, wie sie ihn angehen würden. Kein A/B-Vergleich der fertigen Master, kein „wer macht es besser“. Doppelte Expertise statt eines einzigen Rezepts.
Den Song hat Dennis beigesteuert, der unser Tonstudio in Berlin leitet: „Eternity“ von D3X & Dean Robert, ein Elektro-Track, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht war. Dennis hat uns dafür ausdrücklich grünes Licht gegeben. Für so ein Format ist das ideal – keiner von uns kannte den Mix vorher, und es gab kein fertiges Master, an dem man sich orientieren konnte.
Schon beim ersten Durchhören waren wir uns in einigen Punkten nicht einig. Mich haben die Vocals im Intro gestört, die mir zu laut waren, außerdem die fehlende Makrodynamik und eine Bassnote um 150 bis 160 Hz. Thom hat vor allem zu viel Energie in den Höhen gehört – und Vocals, die für ihn ein bisschen erkältet klangen. Gleicher Song, zwei ganz unterschiedliche erste Baustellen.



Prisma oder Bass zuerst: zwei Wege durch denselben Mix
Thom beschreibt seine Arbeitsweise mit einem Bild, das ich richtig gut finde. Er leitet den Sound wie einen Lichtstrahl durch ein Prisma. Das weiße Licht fächert sich auf, und dann sieht er genau, welche Farbe zu stark ist – zu viel Gelb, zu viel Grün. Was das Instrument dahinter ist, spielt in diesem Moment keine Rolle. Er zieht herunter, was zu viel ist, und oft lösen sich andere Probleme dadurch von selbst.
Bei mir fängt es woanders an – und genau daran merkt man, dass zwei Mastering-Engineers denselben Mix ganz verschieden lesen. Ich höre mir immer zuerst den Bassbereich an und stelle mir zwei Fragen: Stimmt das Low End in sich? Und stimmt es im Verhältnis zum Rest? Wenn der Bass sitzt, erübrigen sich viele Baustellen weiter oben von allein.
Warum laute Signale Details verstecken
An dieser Stelle trifft sich unsere Arbeit wieder. Das Ohr funktioniert so, dass laute Anteile leise übertönen – Psychoakustik, ganz einfach. Wer im Mix Energie aufräumt, bekommt Details zurück, die vorher schon da waren, aber nicht durchkamen. Im Bassbereich gilt allerdings eine Ausnahme: Dort darf man nicht so viel wegnehmen, dass die Tightness verloren geht. Ein Bass, der nachschwingt, macht den ganzen Track weich.
Du willst wissen, wo dein Mix vor dem Mastering steht?
Höhen, Limiter und die Mastering-Chain
Ein großer Teil des Gesprächs drehte sich um die Höhen. Thom hat dabei einen Punkt gemacht, den viele unterschätzen: Hi-Hats bestehen aus einem Transienten und einem Ausklang, und die zischenden Höhen sitzen vor allem im Transienten. Was Transienten genau sind, erklärt unser Glossar. Wer einfach mit einem Equalizer breitbandig reinfährt, nimmt überall die Höhen weg und macht den Track stumpf.
Der De-Esser-Trick
Einen De-Esser fahre ich gern parallel. Das heißt: Ich lasse ihn ruhig stark eingreifen und mische das Ergebnis nur dazu. So bleibt die Stimme klar, ohne dass sie anfängt zu lispeln. Der Trick funktioniert übrigens nicht nur bei Vocals, sondern auch bei Hi-Hats und allgemein bei zu spitzen Höhen.
Wenn der Limiter die Stimme wegsaugt
Bei diesem Song fehlte mir Makrodynamik, also der Lautstärkeunterschied zwischen ruhigeren Parts und dem Chorus. Drückt man so einen Mix in den Limiter, wird die Stimme regelrecht hineingezogen – wie von einem Staubsauger. Der Impact zwischen Part und Chorus ist dann weg. Meine Lösung war erstaunlich unspektakulär: anderthalb dB runter. Oft reicht genau das, und der Chorus bekommt seinen Punch zurück.
Clipper, Glue und eine zu große Hose
Meine Chain für Elektro habe ich offen gezeigt: Ozone, davor ein Clipper und FabFilter. Den Clipper setze ich vor den Limiter, weil er Obertöne erzeugt – die Kick klackt dadurch feiner und setzt sich besser durch. Bei der Glue-Kompression, also einem Kompressor, der den Mix zu einer Einheit verbindet, arbeite ich mit langer Attack und mittlerer Release.
Für das, was Glue macht, hatten wir zwei Bilder. Meins: Der Mix trägt eine zu große Hose, und die Kompression zieht den Gürtel ein Loch enger. Thoms Bild fand ich fast noch schöner – bei ihm schwingen danach alle Saiten einer Gitarre zusammen.
Spannend war auch die Frage, wie weit man dem Produzenten reinreden darf. Thom respektiert die künstlerische Freiheit sehr und will nicht wie ein Lehrmeister wirken. Er sagt: Der Mix ist das Kochen, das Mastering richtet nur noch schön auf dem Teller an. Da bin ich bei ihm – wobei ich lieber einmal zu viel nachfrage als einmal zu wenig.
Das ganze Mastering-Gespräch als Video
Das komplette Gespräch dauert gut 46 Minuten und ist am 23. Oktober 2026 auf Thoms YouTube-Kanal erschienen: „Was ein Mastering-Engineer zuerst hört und du überhörst“. Peak-Studios ist dort als Collab-Partner eingetragen, das Video taucht also auch bei uns auf.
Wenn du nur einzelne Themen sehen willst: Im Video gibt es Kapitel, unter anderem zur Prisma-Methode, zum Bassbereich, zu Höhen und De-Esser, zu Makrodynamik und Limiter, zur Mastering-Chain und zu unseren Tipps am Ende. Dazu kommen 14 kurze Clips, die nach und nach auf TikTok, Instagram und YouTube Shorts erscheinen.
WIE KLINGT DEIN SONG IM MASTERING?
Schreib mir – zu dieser Folge, zu deinem Mix oder zu deinem nächsten Release. In der Regel melden wir uns innerhalb von 3 Stunden (an Werktagen).
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Hinter den Kulissen: ein Mastering-Podcast aus zwei Ländern
Aufgenommen haben wir remote. Thom saß in seinem Studio in der Schweiz, ich in Würzburg. Jeder hat sein eigenes Mikrofon und seine eigene Kamera aufgezeichnet, die Videokonferenz lief nur als gemeinsame Zeitachse mit. Im Schnitt habe ich danach beide Kameras und beide Mikrofone wieder zusammengesetzt – so exakt, dass Lippen und Ton zueinander passen.
Und dann kam die Stelle, an der etwas schiefging. Thom hat mich über seine Lautsprecher gehört, nicht über Kopfhörer. Meine Stimme lief deshalb leise und leicht verzögert in sein Mikrofon. Im fertigen Mix klang das wie Raumhall. Gemerkt habe ich es erst beim Anhören der Clips, und es war mühsamer zu reparieren, als mir lieb war: Thoms Mikrofon ist jetzt nur noch offen, wenn er selbst spricht.
Die Lehre ist simpel und kostet nichts: Bei Remote-Aufnahmen hören beide über Kopfhörer oder In-Ears ab. Thom und ich haben das für die nächste Folge schon so verabredet. Ich erzähle das bewusst, denn auch wenn sich zwei Mastering-Engineers unterhalten: Genau solche Kleinigkeiten passieren in jedem Projekt – im Podcast genauso wie bei einer Bandaufnahme im Studio.



Gratis weiterlernen – und mein Fazit
Zum Schluss haben wir beide einen Tipp mitgegeben. Thoms wichtigster Punkt: Tightness schlägt Frequenzen. Knallt die Snare noch? Dann lieber ein paar Kanten im Sound lassen, als alles zu Pappe zu glätten. Meiner kommt direkt aus dem Unterricht und Coaching und aus unseren 1:1-Mixing-Masterclasses: Viele machen viel zu viel. Jeder unnötige Eingriff kostet Frequenzen und Zeit – und am Ende auch den Charakter des Songs. Und wir sind uns einig, dass man den Ohren mehr trauen sollte als den Kurven auf dem Bildschirm.
Wenn du tiefer einsteigen willst, gibt es zwei kostenlose Angebote:
- Thoms Gratis-Mini-Masterclass
- unsere Gratis-Tools für Musiker und die Checkliste zur Mix-Vorbereitung
Mein Fazit: Mir hat das Format richtig Spaß gemacht, gerade weil Thom und ich so unterschiedlich anfangen. Zwei Mastering-Engineers, zwei Methoden – und trotzdem dieselbe Haltung, dass der Song im Mittelpunkt steht und nicht das Werkzeug. Wenn dir die Folge gefällt, schreib es gern in die Kommentare unter dem Video. Die Idee steht, das Format fortzusetzen, gern auch mit Mixen aus der Community.
Häufige Fragen zum Mastering-Gespräch mit Thom Wettstein
Wer ist Thom Wettstein?
Thom Wettstein ist Mastering-Engineer mit eigenem Studio in der Schweiz. Auf seinem YouTube-Kanal zeigt er, wie er arbeitet, und bietet eine kostenlose Mini-Masterclass an. In seinem neuen Format lädt er andere Engineers ein, um gemeinsam über denselben Song zu sprechen.
Habt ihr den Song am Ende beide gemastert und verglichen?
Nein, und das war bewusst so. Im Gespräch läuft nur der Original-Mix. Es geht um die Herangehensweise, also darum, was jeder von uns hört und womit er anfangen würde – nicht um einen Wettbewerb zwischen zwei fertigen Mastern.
Welcher Song wird in der Folge besprochen?
„Eternity“ von D3X & Dean Robert, ein Elektro-Track, der zum Zeitpunkt der Aufnahme noch unveröffentlicht war. Dennis, der unser Studio in Berlin leitet, hat ihn für die Folge freigegeben.
Wo kann ich das ganze Mastering-Gespräch ansehen?
Das Video „Was ein Mastering-Engineer zuerst hört und du überhörst“ läuft auf Thoms YouTube-Kanal, Peak-Studios ist als Collab-Partner eingetragen. Oben im Beitrag ist es eingebettet. Kurze Ausschnitte erscheinen außerdem nach und nach auf unseren Social-Media-Kanälen.
Gibt es weitere Folgen?
Die Idee steht, das Format fortzusetzen, gern auch mit Mixen aus der Community. Wie es weitergeht, hängt auch davon ab, wie die erste Folge ankommt. Feedback unter dem Video hilft uns dabei sehr.


